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Sind Honigbienen schuld am Insektenrückgang? Die Zahlen sagen nein.

Eine faktenbasierte Einordnung zu einer Behauptung, die in öffentlichen und behördlichen Debatten zunehmend auftaucht – und warum die Entwicklung der Bienenvolkzahlen dabei der entscheidende Prüfstein ist.

Worum es geht

In Diskussionen über das Insektensterben wird die Honigbiene immer häufiger zur Mitverursacherin erklärt: Die gehaltenen Völker würden den Wildinsekten Nahrung und Lebensraum streitig machen und so deren Rückgang wesentlich mittragen. Diese pauschale Schuldzuweisung verbreitet sich über Medien, Stellungnahmen sowie naturschutzrechtliche Diskussionen und Verfahren – und sie trifft eine Imkereilandschaft, die in Österreich zu rund 99 % aus Hobby- und Nebenerwerbsimkerei mit kleinsten Völkerbeständen besteht.[3.1] Die Behauptung lässt sich überprüfen. Und der wichtigste Prüfstein ist die Entwicklung der Honigbienenvölker selbst.

Die Datenlage: Honigbienenvölker in Österreich

Wenn gehaltene Honigbienen ein wesentlicher Treiber des Wildinsektenrückgangs wären, müsste ihre Zahl über die betreffenden Jahrzehnte stark gestiegen sein – parallel zum dokumentierten Rückgang der Wildinsekten. Genau das ist nicht der Fall.
Die international vergleichbare Zeitreihe der FAO zeigt für Österreich seit 1961 keine Explosion, sondern eine Bewegung innerhalb eines stabilen Bandes:

Anzahl der Bienenvölker in Österreich im Zeitverlauf

Jahr Bienenvölker
1961 rund 467.000
1981 rund 397.000
2004 rund 283.000 (Tiefpunkt)
2021 rund 456.000
2023 rund 494.000
Die Völkerzahl ist über mehr als sechs Jahrzehnte nicht eingebrochen – und schon gar nicht sprunghaft angewachsen. Sie fiel bis Mitte der 2000er-Jahre sogar deutlich und erreicht erst heute wieder ein höheres Niveau. Wäre die Honigbiene Ursache des Insektenrückgangs, müssten sich die Kurven decken. Tatsächlich gingen die Wildinsekten gerade in jenen Jahrzehnten zurück, in denen die Honigbienenvölker stagnierten oder abnahmen.
Bienenvölker.png © Biene ÖsterreichBienenvölker.png © Biene ÖsterreichBienenvölker.png © Biene Österreich[1781612052855267.png]
Bienenvölker Quellen: Bienenvölker – FAO/FAOSTAT (Crops & Livestock, "Bees/Stocks"). Bodenverbrauch (Flächeninanspruchnahme) – Umweltbundesamt (5.681 km², 2025) bzw. WWF-Bodenreport („seit 2000 fast um ein Drittel“); Verlauf der Versiegelungslinie zwischen amtlichen E © Biene Österreich


 

Der lange Blick: Bienendichte seit dem 19. Jahrhundert

Der Befund wird noch deutlicher, wenn man weiter zurückgeht. Schon für die österreichische Reichshälfte der Habsburgermonarchie (Cisleithanien) liegen amtliche Zählungen der k.k. Statistischen Zentralkommission ab 1869 vor. Die absoluten Zahlen lassen sich nicht direkt mit heute vergleichen, weil sich das Staatsgebiet 1918 auf rund ein Viertel verkleinert hat. Vergleichbar wird der Bestand erst über die Dichte – bezogen auf Bevölkerung und Fläche. Und die ist seit über 150 Jahren bemerkenswert konstant:

Bienendichte seit dem 19. Jahrhundert

Zeitraum (Gebiet) Völker je 1.000 Einwohner Völker je km²
Cisleithanien 1869–1910 38–45 3,0–4,1
Republik Österreich 1961–2023 39–66 3,7–5,9
Ob man die Honigbienen also auf die Menschen oder auf die Fläche bezieht: Die Dichte bewegt sich heute in derselben Größenordnung wie vor mehr als einem Jahrhundert. Von einer historisch beispiellosen „Überschwemmung" der Landschaft mit Honigbienen kann keine Rede sein – im Gegenteil, die Größenordnung ist über Generationen stabil geblieben, während sich die Lebensbedingungen für Wildinsekten dramatisch verändert haben.

Was den Insektenrückgang tatsächlich treibt

Die Frage, warum Wildinsekten zurückgehen, ist wissenschaftlich gut untersucht. Das Weltbiodiversitätsgremium IPBES nennt in seinem globalen Bestäuber-Bericht als wesentliche Ursachen: die Veränderung der Landnutzung, die Intensivierung der Landwirtschaft, den Einsatz von Pestiziden, eingeschleppte invasive Arten, Krankheiten und Schädlinge sowie den Klimawandel (IPBES 2016). Übersichtsarbeiten zum weltweiten Insektenrückgang bestätigen dieses Bild und heben Lebensraumverlust und Pestizide als die wirkmächtigsten Treiber hervor (Sánchez-Bayo & Wyckhuys 2019; Wagner 2020).

Für Österreich sind dabei besonders relevant:
  • Bodenversiegelung und Lebensraumverlust: Verbauung, Zersiedelung und der Verlust blütenreicher Strukturen entziehen Wildinsekten Nist- und Nahrungsraum.
  • Pestizideinsatz: Insektizide wirken direkt tödlich oder subletal, Herbizide entziehen indirekt die Nahrungsgrundlage.
  • Intensivierung der Flächennutzung: Monotone, blütenarme Landschaften bieten spezialisierten Wildbienen kaum noch Ressourcen.
Keiner dieser strukturellen Treiber hat mit der Anzahl gehaltener Honigbienenvölker zu tun. Sie haben sich über dieselben Jahrzehnte massiv verschärft, während die Bienenvolkzahlen weitgehend konstant blieben. So ist der Bodenverbrauch alleine im Zeitraum von 2000 bis 2025 um 33 % gestiegen (WWF-Bodenreport).

Die ehrliche Differenzierung: lokale Konkurrenz

Zur fachlichen Belastbarkeit gehört, den Forschungsstand vollständig wiederzugeben – gerade dort, wo er differenziert ist. Aktuelle Übersichtsarbeiten zeichnen ein klares Bild: Eine Nahrungskonkurrenz zwischen Honig- und Wildbienen kann unter bestimmten Bedingungen auftreten – vor allem bei sehr hoher Völkerdichte und knappem Blütenangebot, etwa in Städten, kleinen Schutzgebieten, Inselökosystemen oder trachtarmen Landschaften. Das jüngste Review von Pike & Rittschof (2025) ordnet das Problem aber ausdrücklich als stark kontextabhängig ein und hält fest, dass nur ein kleiner Teil der Studien überhaupt direkte Effekte auf Fortpflanzung oder Bestand der Wildbienen nachweist; eine ältere systematische Auswertung (Mallinger et al. 2017) kommt zum selben Befund stark schwankender, standortabhängiger Ergebnisse. Auch die vielzitierte Einordnung von Geldmann & González-Varo (2018) sowie vorsorgeorientierte Leitlinien (z. B. NatureScot 2024) verweisen auf mögliche lokale Effekte bei hoher Dichte. Ein genereller oder verallgemeinerbarer Schaden durch Honigbienen ist damit jedoch nicht belegt. Eine gut lesbare deutschsprachige Übersicht dieser Studienlage bietet Odemer (2026).
 
Dabei lohnt ein genauer Blick auf den Begriff „Konkurrenz". Dass Honig- und Wildbienen zeitweise dieselben Blüten anfliegen, heißt nicht, dass die einen die anderen verdrängen – ähnlich wie eine Warteschlange am Mittagstisch nicht bedeutet, dass die Küche leer ist. Ein messbarer Nachteil für Wildbienen entsteht erst dort, wo das Nahrungsangebot insgesamt knapp wird. Ob das zutrifft, lässt sich nicht pauschal behaupten, sondern muss im konkreten Einzelfall geprüft werden – wie das Beispiel weiter unten zeigt.

Diese Befunde widersprechen der Einordnung der Imkerei aber nicht – sie präzisieren sie:
  1. Es ist eine Frage von Standort und Dichte, nicht von Schuld. Diskutiert werden mögliche lokale Effekte bei hoher Völkerdichte am falschen Ort – nicht, dass Bienenhaltung den großräumigen Insektenrückgang verursacht.
  2. Die eigentlichen Treiber bleiben dieselben. Selbst die kritischen Studien benennen Lebensraumverlust und Pestizide als die übergeordneten Ursachen des Wildbienenrückgangs.
  3. Was Honigbienen hilft, hilft auch Wildbienen. Weniger Bodenverbrauch, mehr Blühflächen und weniger Pestizide nützen beiden. Bienenhaltung und Wildinsektenschutz sind keine Gegner, sondern haben dieselben Gegner.

Hohe Bienendichte heißt nicht automatisch Verdrängung

Entscheidend ist: Selbst lokal und selbst bei hoher Stockdichte folgt aus der Nähe zu Honigbienen nicht automatisch eine Verdrängung der Wildinsekten. Genau das zeigt das Projekt Insektenproof (Endbericht 2025), eine zweijährige Erhebung von Wildbienen, Schmetterlingen und Heuschrecken im Umfeld eines großen Imkereistandortes mit 80 Bienenvölkern im Waldviertel.
Siehe: https://www.biene-oesterreich.at/artenvielfalt-trotz-hoher-honigbienendichte+2500+1144676

Das zentrale Ergebnis: Gerade jene Flächen in unmittelbarer Nähe der Bienenstöcke, die zu den honigbienenreichsten gehörten, waren zugleich die artenreichsten – auch bei Wildbienen und Schmetterlingen, einschließlich spezialisierter (oligolektischer) Arten. Ein hohes Honigbienenvorkommen ging dort also nicht mit geringerer Wildinsektenvielfalt einher.

Die Studie ordnet das vorsichtig und im Einklang mit dem Forschungsstand ein: Konkurrenz kann auftreten, bleibt aber in strukturreichen, pestizidfrei und durchgehend blütenreich gestalteten Landschaften mit ausreichenden Nistplätzen meist gering oder nicht nachweisbar. Den Rückgang der Wildbienen treiben auch hier vor allem Lebensraumverlust, Intensivierung der Landwirtschaft und Pestizide – nicht die Honigbiene. Anders gesagt: Nicht die Anwesenheit von Honigbienen entscheidet, sondern die Qualität des Lebensraums.
Das gilt auch dort, wo die Konkurrenz-Sorge am häufigsten vorgebracht wird – in Schutzgebieten und vor allem in den angrenzenden Schutzzonen. Auch hier muss vor jedem Verbot eine standortbezogene Analyse stehen, statt vorsorglich pauschal zu regulieren. Es gibt durchaus Lebensräume, in denen das Nahrungsangebot knapp werden kann und empfindliche Spezialisten betroffen sein können – etwa kleine, isolierte Inseln, wo eine Studie unter hoher Honigbienendichte einen deutlichen Rückgang von Wildbienen fand, oder nährstoffarme Heiden und Magerwiesen mit spezialisierten Arten wie Sandbienen. Dort kann eine Begrenzung der Völkerdichte sachlich begründet sein.
In vielen Schutzzonen und (geplanten) Nationalparks ist es jedoch umgekehrt: Wo Flächen weniger intensiv bewirtschaftet und Gehölze, Sträucher und Säume nicht mehr ausgeräumt werden, wächst das Blütenangebot eher – ein vorsorgliches, generelles Honigbienen-Verbot wäre hier unsachlich. Entscheidend ist also die konkrete Ressourcenlage am jeweiligen Standort, nicht die bloße Nähe zu einem Schutzgebiet. Einer Honigbienen-Beschränkung allein deshalb zuzustimmen, weil eine Schutzzone ausgewiesen wird, fehlt ohne diese Einzelfallprüfung die fachliche Grundlage.

Fazit

Die verallgemeinernde Behauptung, Honigbienen seien generell oder wesentlich für den Rückgang der Wildinsekten verantwortlich, hält der Datenlage nicht stand. Die Anzahl der Honigbienenvölker in Österreich ist über Jahrzehnte stabil geblieben, während die wissenschaftlich belegten Treiber des Insektenrückgangs – Bodenversiegelung, Lebensraumverlust, Pestizideinsatz, Intensivierung der Landwirtschaft – ganz andere sind.
Wo Honigbienen lokal mit Wildbienen konkurrieren können, ist das eine Frage verantwortungsvoller Bienenhaltung, kein Argument gegen die Imkerei. Der wirksamste Beitrag für die Wildinsekten – mehr Lebensraum, weniger Pestizide – ist zugleich der wirksamste Beitrag für gesunde Honigbienen.
Daraus folgt auch eine klare Linie für die Regulierung: Imkerei ist seit Jahrtausenden elementarer Teil unserer Kulturlandschaft und muss unkompliziert und unbürokratisch möglich bleiben. Einschränkungen sind allein dort vertretbar, wo in einem konkreten, eng begrenzten Gebiet ein nachweisbarer, kausaler Schaden belegt ist – und dann gezielt und verhältnismäßig, nicht pauschal.

Quellen

  • Bienenvolkzahlen Österreich (Zeitreihe): FAO, FAOSTAT – Crops & Livestock, Item „Bees / Stocks"; ergänzend Biene Österreich bzw. BMLUK (aktuelle Struktur der Bienenhaltung).
  • Historische Bienendichte (1869–1910): k.k. Statistische Zentralkommission, Wien (zeitgenössische Zähltabelle der Bienenstöcke in Cisleithanien). Bevölkerung: Fassmann/Helczmanovszki (Bevölkerungsgeschichte Österreich-Ungarns); Flächen: rund 300.000 km² (Cisleithanien) bzw. rund 83.879 km² (heutiges Österreich).
  • Treiber des Bestäuberrückgangs: IPBES (2016): Assessment Report on Pollinators, Pollination and Food Production. ipbes.net.
  • Insektenrückgang, Übersichtsarbeiten: Sánchez-Bayo, F. & Wyckhuys, K. A. G. (2019): Worldwide decline of the entomofauna: A review of its drivers. Biological Conservation 232, 8–27. – Wagner, D. L. (2020): Insect Declines in the Anthropocene. Annual Review of Entomology 65, 457–480.
  • Rückgang der Fluginsektenbiomasse (europäisches Beispiel): Hallmann, C. A. et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLOS ONE 12(10): e0185809.
  • Honigbiene/Wildbiene – Konkurrenz (Übersichtsarbeiten): Pike, W. A. & Rittschof, C. C. (2025): Honey Bee (Apis mellifera L.) and Wild Bee Resource Competition: How Big Is This Problem? Integrative and Comparative Biology 65(4), 893–918. DOI: 10.1093/icb/icaf072. – Mallinger, R. E., Gaines-Day, H. R. & Gratton, C. (2017): Do managed bees have negative effects on wild bees? A systematic review of the literature. PLOS ONE 12(12): e0189268. DOI: 10.1371/journal.pone.0189268.
  • Honigbiene/Wildbiene – Einordnung und Schutzgebiete: Geldmann, J. & González-Varo, J. P. (2018): Conserving honey bees does not help wildlife. Science 359(6374), 392–393. DOI: 10.1126/science.aar2269. – NatureScot (2024): Guidance – Honey bees and beekeeping on protected areas.
  • Deutschsprachige Übersicht zum Forschungsstand: Odemer, R. (2026): Schadet Imkerei den Wildbienen? Was die Forschung wirklich sagt. immelieb.de, 9. Juni 2026 (mit Verweis auf die zugrunde liegenden Primärstudien).
  • Hohe Bienendichte ohne Verdrängung (Fallbeispiel Österreich): Projekt Insektenproof, Endbericht (2025), Biene Österreich; Untersuchungsgebiet Imkerei „MIËLO", Krumau am Kamp, Waldviertel.
Hinweis: Dieser Beitrag stützt sich auf international vergleichbare und behördliche Datenquellen. Detaillierte Langzeitreihen zum Wildinsektenbestand, speziell für Österreich, sind begrenzt; die Aussagen zu den Treibern beruhen daher auf dem europäischen und globalen Forschungsstand.
 
AutorIn:
Biene Österreich
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